Beziehungssucht: Ich liebe nur die Liebe

 
 

Besessenheit, Abhängigkeit und Opferbereitschaft stehen wohl bei niemandem auf dem Wunschzettel, wenn es um die Partnersuche geht. Und doch droht genau das allen Paaren, in denen einer der Beiden an Beziehungssucht leidet. Ob der Partner einen wirklich aufrichtig liebt oder beziehungssüchtig ist, kann man selten auf den ersten Blick erkennen, da anfängliche Verliebtheit und die Krankheitssymptome sich besonders in der Anfangsphase einer Beziehung sehr schwer unterscheiden lassen. Der neue Partner ist nun Lebensmittelpunkt, man verbringt möglichst viel Zeit mit ihm und – vor allem – man ist glücklich. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebessucht.

Suchtbetroffene sind nämlich nicht in den Partner verliebt, sondern in die Liebe selbst. Sie sind von der Tatsache mit ihm eine Beziehung zu führen so besessen und berauscht, dass sich die Partnerschaft zu einer Obsession entwickelt. Und dabei sind den Süchtigen alle Mittel recht, ohne dass ihnen auffällt, dass ihr Verlangen nach Perfektion und Ideal die Beziehung zum Scheitern verurteilt. Denn Beziehungssucht ist eben eine Sucht und die verändert die Selbst- und Fremdwahrnehmung des Süchtigen.

In Deutschland sind es Schätzungen zufolge ca. 16% der Beziehungen, in denen kein gesundes Verhältnis zwischen den Partnern herrscht und bei denen einer der Menschen an Liebes- und Beziehungssucht leidet. Das kann verschiedene Ursachen haben. So liegen die Gründe möglicherweise in der Kindheit des Betroffenen und fußen auf einem Elternhaus, das nicht in der Lage war, Emotionen zu zeigen und Sicherheit zu vermitteln. Auch können hoher Leistungsdruck und große Verantwortung in jungen Jahren bereits die Einstellung hervorrufen, der Betroffene sei nicht gut und stark genug, um allein sein Leben zu meistern. Hinzukommen die Gesellschaft und vor allem die Medien, die ein hochstilisiertes Bild eines perfekten Paares zelebriert.

Mangelnde Selbstliebe

Liebessüchtige brauchen ständige Bestätigung durch ihren Partner, da sie selbst überkritisch mit sich ins Gericht gehen und kein Selbstwertgefühl besitzen. Sie brauchen ein Gegenüber, welches sie nach eigenem Empfinden definiert –denn nur so kann sich der Liebessüchtige sicher sein zu gefallen. Er sieht sich also als Leinwand, die gestaltet werden muss. Deswegen ist es für die Betroffenen auch nur ganz schwer zu ertragen, von dem Künstler ihres Lebens getrennt zu sein – und wenn es nur für ein paar Stunden ist. Diese Selbstaufgabe ist für ihn der ultimative Beweis seiner Liebe dem Partner gegenüber. Doch wie will man eine harmonische Beziehung zu einem farb- und charakterlosen Menschen führen?

Beziehungs- und Liebessucht zählen zu einer sehr starken Form der Selbstaufgabe, denn durch das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und Wünsche, ja sogar des ganzen eigenen Lebens, verhält sich der Liebessüchtige wie ein sehr anpassungsfähiges Tier, das nicht entdeckt werden will. Während die zwei Menschen einer gesunden Partnerschaft gleichgestellt sind und in harmonischem Vertrauen miteinander leben, verzichtet der Liebessüchtige auf das Nehmen und gibt ganz viel – und überfüttert damit die ohnehin schon ungleiche Beziehung. Er wird zu einem Schauspieler, dessen Brot die Zuwendung des Partners und der Fortbestand der Partnerschaft ist; alles andere ist unwichtig. Der Betroffene lebt für die Beziehung, und nur für diese allein. Im Zuge dessen nimmt der Liebessüchtige auch sämtliche Demütigung und Gewalt von Seiten des Partners hin, um das Bild der perfekten Beziehung nicht zu  beschmutzen.

Folgeerkrankungen möglich

Sätze, wie „Ohne dich kann ich nicht leben“ oder „Du bist mein Ein und Alles“ sind in diesem Kontext tatsächlich wortwörtlich zu nehmen. In Härtefällen setzt sich eine Spirale aus Verlustangst und Klammern, krankhafter Eifersucht und Depressionen in Gang, die unter Umständen auf eine Trennung durch den Partner hinausläuft. Panikattacken und Depressionen können dann die Folge sein und den Liebessüchtigen bis zum Suizid führen. Um die Ursachen und Symptome zu bewältigen hilft meist nur eine Therapie, in der die Verhaltensmuster erkannt und geändert werden müssen um Schlimmeres zu verhindern.

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