Hart oder fies? - Kaltblütig Schlussmachen

 
 

Alle anderen kennen aber das Gefühl verlassen zu werden oder selbst einen Schlussstrich zu ziehen – beides ist schwer und beides benötigt eine Menge Kraft, vor allem, wenn der Auslöser kein grober Vertrauensbruch war sondern das allseits bekannte „Auseinanderleben“. Schlussmachen kann ordentlich nach hinten losgehen, wenn man sich nicht um Ehrlichkeit, Respekt und Fairness bemüht, schließlich werden die Gefühle mindestens einer Person verletzt.

Mitleidsmasche

„Wir beide wissen doch, dass du jemand besseren als mich verdienst.“ Derjenige, der hier gerade versucht Schluss zu machen, fährt eine ganz miese Nummer. Anstatt die wahren Hintergründe aufzuzeigen, versucht er den sauren Apfel an den Partner weiterzugeben. Schließlich solle der Partner doch langsam erkennen, dass er selbst tatsächlich nur von ihm, dem lahmen Tölpel, gebremst wird. Die Entscheidung zur Trennung soll der Partner deshalb dem „Schlussmacher“ abnehmen. „Dir war doch schon immer klar, dass ich ein Schwein bin.“ Oh ja, allein mit diesem Satz gilt „quod erat demonstrandum“, denn wer nicht einmal den Mut hat, ehrlich und fair Schluss zu machen, verdient auch kein noch so hart erschlichenes Mitleid. Sich selbst zum Opfer zu glorifizieren, um die Absolution des Partners zu bekommen, ist echt mies!

Arroganz zum Abschied

Um sich seinen eigenen Gefühlen nicht stellen zu müssen oder gar dem Partner noch einen reinzuwürgen, schalten viele beim Schlussmachen in den Arroganz-Modus. „Jetzt sei ehrlich, wir spielen doch einfach nicht in derselben Liga.“ Ein solcher Abgang ist wahrlich hässlich. Viel schlimmer ist aber noch die Erläuterung, man sehe in dem Partner nicht den Vater oder die Mutter der eigenen Kinder. Wie bitte?! Derart geschmacklos und hochnäsig die eigene DNA für etwas Besseres zu halten, ist ein weiterer Grund diesem Menschen nicht hinterher zu weinen!

Vorgeheuchelter Schutz

Es gibt kaum einen Menschen, der es ertragen kann, wenn jemand anderes denkt, er wisse über seine Gefühle und Ansichten besser Bescheid als derjenige selbst. „Ich kann dir ja leider deine Wünsche nicht erfüllen…“ oder „Bevor wir uns im Streit trennen, mache ich lieber jetzt Schluss, um dir nicht weh zu tun“. Die Art der „Logik“ ist aber völlig feige, da sie den Verlassenen einfach nur ahnungslos und verwirrt zurücklässt. Wie kann sich denn da jemand anmaßen zu denken, diese Entscheidung im Sinne des anderen zu treffen? Wird dieser „Schritt der Selbstlosigkeit“ auch noch mit „es liegt ja nicht an dir, sondern an mir“ begründet, dürfte ein heftiger Streit nicht mehr aufzuhalten sein. Abgesehen von der groben Respektlosigkeit dem Partner gegenüber führt diese Art des Schlussmachens definitiv zu einem hässlichen Ende.

Deplatzierte Coolness

Eine Trennung ist ohnehin schon nicht leicht. Die einst so vertraute Person nahm eine zentrale Rolle im Leben des Partners ein und war Angelpunkt im Alltag. Ist die Beziehung also beendet, entsteht oftmals eine Leere, die der Ex-Partner bis dahin ausgefüllt hatte. Das trifft auf beide Parteien zu, deswegen ist es besonders fies, beim Schlussmachen auch noch zu meinen, coole Sprüche klopfen zu müssen. „Ich kann mir ein Leben ohne dich echt nicht vorstellen, aber ich denke, ab heut probiere ich es mal!“ – das ist weder witzig noch taktvoll sondern zeugt einzig und allein von mangelnder Empathie und fehlendem Respekt.

Leugnen der Beziehung

„Ich dachte, wir waren uns einig, dass das zwischen uns nichts Ernstes war“. Die Beziehung post mortem noch als nichtexistent zu erklären, mag für den Verlasser zunächst vielleicht einfach erscheinen, da dann ja auch keine echte Trennung vorliegt. Für den, der verlassen wird, ist es aber ein Verrat an den Gefühlen und verursacht außerdem eine große Scham; hatte man sich doch in einer ernsthaften Beziehung gewähnt. Getoppt werden kann das nur von der Frage, ob man denn nicht gewusst habe, dass der Partner immer auf mehreren  Hochzeiten gleichzeitig tanze. Wirklich fies!

Das Universum ist Schuld

Wer sich nicht traut, Unzufriedenheit, Probleme oder Unstimmigkeiten in der Beziehung anzusprechen, und nicht versucht sie zu lösen, verweist dann schnell auf „höhere Mächte“, die dem Glück einfach im Weg stünden. Das Schicksal habe sie wohl nicht füreinander geschaffen, und da könne man ja jetzt auch nicht dran rütteln, oder?! Das Scheitern einer Beziehung dem Universum und dem Schicksal zuzuschreiben, kann erst recht für einen sehr rational denkenden Partner sehr kindisch und albern wirken und verstärkt nur dessen Wut. „Ich wünschte, wir hätten uns zu einem anderen Zeitpunkt getroffen…“ – dieses Pseudo-Hintertürchen ist der Tropfen, der dann meist das Fass zum Überlaufen bringt, schließlich will der Schlussmacher ganz offensichtlich keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Doch die Fragen im „Was wäre, wenn“-Prinzip machen die Trennung nur umso schmerzhafter: die Betroffenen fühlen sich leicht als Opfer einer tragischen Ungerechtigkeit des Universums.

Durch Eitelkeit und falsches Ehrgefühl sollte in jedem Fall nicht auch noch Öl ins Feuer gegossen werden. Was gesagt werden muss, muss gesagt werden, aber ein nötiges Maß an Respekt sollte auch in einer schwierigen Situation von dem (Ex-)Partner zu erwarten sein. Schließlich stand man sich einmal sehr nahe und das muss ja nicht mit einem theatralischen Abgang absichtlich in den Schmutz gezogen werden.

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