Ist Scheidung böse? Und was sagt Sam Gamdschie dazu?

 
 

Scheidung klingt für viele Menschen ungefähr so positiv wie „Margen-Darm-Grippe“ und erscheint ihnen auch ebenso wenig erstrebenswert. Sie wollen sie von ihrer Liebe fernhalten und ja nichts damit zu tun haben, bedroht sie doch das Luftschloss gemeinsamer Träume mit hässlichen Bildern von Paragrafen, Streit und Tränen. Andere wünschen sich nichts sehnlicher, um ihren einstmals gemachten Fehler ausbügeln und ein neues Leben beginnen zu können. Was aber wäre, wenn es die Scheidung nicht gäbe? Würde man sie vermissen?

Die böse alte Zeit

Um uns eine Welt ohne Scheidung vorzustellen, brauchen wir keine überbordende Fantasie, sondern nur einen Blick in vergangene Zeiten. Da hat es doch auch ohne Scheidung funktioniert. Da war die Welt noch in Ordnung und die Sitten noch nicht so verfallen wie in der schnelllebigen, unverbindlichen, heutigen Zeit. Da gab es sie doch noch - die wahre eheliche Liebe. Oder etwa nicht?

In vergangener Zeit hielten Ehen – mit gelegentlichen Ausnahmen – bis zum Tod eines Partners. Man konnte nicht beim ersten Streit davonlaufen und musste lernen miteinander klarzukommen. Jeder wusste, woran er war und das im Alter noch jemand da sein wird. Wobei – „Alter“, das hieß damals noch 30, 40 oder vielleicht einmal 50 Jahre. Anders als heute wurden die Menschen nicht besonders alt. Und ein „Für immer“, das unterm Strich noch etwas mehr als zehn Jahre dauert, ist nun mal ein anderes „Für immer“ als eines, das noch bis zu 70 gemeinsame Jahre bedeuten kann.

Auch waren die Ansprüche an die Ehe andere. Damals waren wirtschaftliche, religiöse und soziale Zwänge der Klebstoff, der die Eheleute aneinander band. Die Liebe war bestenfalls die Dekoration. Wenn der Pfarrer, der Gutsherr, die hungrigen Kinder und das ganze Umfeld die ehelichen Qualitäten kritisch beäugten und einen dezent an die unerfreulichen Alternativen erinnerten, biss man eben auch mal den Rest seines Lebens die Zähne zusammen. Selbst dann, wenn die Gefühle erloschen waren und man im besten Fall nebeneinander und im schlimmsten Fall gegeneinander lebte.

Die Freiheit „Nein“ zu sagen

Aber in dieser Welt leben wir nicht mehr. Wir wollen uns nicht aushalten, um unsere Eltern oder den Chef nicht zu verärgern. Wir wollen uns lieben. Explosiv und beständig, in diesem Augenblick und in vielen Jahren und in den tollsten Momenten genauso, wie in den dunkelsten Abgründen, in die uns das Leben stößt. Aber wir wollen ehrlich zueinander sein.  Wenn das Haus der Ehe zu einem Gefängnis wird, dessen Wände sich um uns zusammendrängen, wollen wir einen Notausgang haben: Die Scheidung!

Und mal ehrlich. Welche Leistung ist es schon, gemeinsam in einem hermetisch verschlossenen Zug ans Ende unseres Lebens zu rasen. Mir fallen dazu zwei Zitate ein, die das ganz gut auf den Punkt bringen. Das eine ist fast schon allgemeines Kulturgut und stammt von Konfuzius:

 „Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir - für immer.“

Das andere stammt von Samweis Gamdschie aus dem letzten Teil der Herr der Ringe Verfilmung (man möge mir diesen Insider verzeihen) und bezieht sich auf die Helden in bedeutsamen Geschichten:

„Die Leute in diesen Geschichten hatten stets die Gelegenheit umzukehren, doch taten sie es nicht. Sie gingen weiter, weil sie an irgendetwas geglaubt haben.“

Beide Gedankengänge laufen auf dasselbe hinaus. Man muss im Leben umkehren KÖNNEN. Nur wer die Freiheit der Wahl hat, kann gemeinsam etwas Schönes schaffen. Eine große Ehe braucht den Glauben an die Ewigkeit, aber sie braucht vor allem Freiwilligkeit.

Die meisten von uns sind im tiefsten Herzen Romantiker und wer nicht auf die ewige Liebe hofft, der ist entweder schwer enttäuscht worden oder liebt nicht von ganzem Herzen. Aber manchmal folgt unser Herz nicht uns. Dann müssen wir ihm folgen, egal wohin es uns zieht. Schön, dass wir das können!

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