Jung, wild, unverheiratet – warum frühe Ehen out sind

 
 

Einstmals war die frühe Heirat en vogue. Im Mittelalter oder im alten Rom heirateten vor allem Frauen – oder besser gesagt Mädchen – noch sehr jung. Ehefrauen die 12, 13 oder 14 Jahre alt waren, waren keine Seltenheit. Dass hier wenig Freiwilligkeit im Spiel war und man dieser Praxis nicht unbedingt nachtrauern sollte, steht außer Frage. Vor allem wenn man bedenkt, dass solche frühen Ehen nach wie vor in vielen Ländern unter Zwang geschlossen werden. Fest steht jedenfalls, dass es laut einer Statistik des Statistischen Bundesamts, im Jahr 2011 in Deutschland gerade einmal 3 Ehefrauen dieser Altersklasse gegeben hat.  Doch auch wenn man die Betrachtung über dieses extreme Heiratsalter ausweitet, steigen die Zahlen nicht wesentlich. Sind junge Ehen aus der Mode?

21355 verheiratete Frauen und 5051 verheiratete Männer mit deutscher Staatsbürgerschaft, im Alter von 14 und 21 Jahren, gab es Ende 2011. Das sind insgesamt gerade mal 26406 Eheleute, was nicht mal 0,1% aller verheirateten Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft entspricht. Interessanterweise heiraten Frauen viermal häufiger früh als Männer.  Und in mindestens drei Viertel der Fälle heiraten sie anscheinend einen Partner, der älter als 21 Jahre ist.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch eine Meldung des Statistischen Bundesamts über das durchschnittliche Heiratsalter im Jahr 2009. Danach heirateten die Menschen im merklich später als früher:  Männer mit 33 und Frauen mit 30 Jahren. 1991 sagten Männer noch mit 29 und Frauen mit 26 Jahren, „Ja“.  Noch extremer ist der Unterschied gegenüber dem Jahr 1970. Dort heirateten in der BRD mit 26 (Männer) bzw. 23 (Frauen) und in der DDR mit 24 beziehungsweise 22 Jahren.

Bei all diesen Entwicklungen stellt sich die Frage: Warum schrecken so viele Paare vor einer frühen Heirat zurück?

Erst einmal leben

Menschen Anfang oder unter zwanzig, haben meist noch nicht so viel von der Welt gesehen, wie sie es vorhaben. Natürlich hört das Leben mit der Ehe nicht auf, aber als Single oder in einer „einfachen“ Beziehung ist man einfach flexibler und hat keine Scheidung zu überwinden. Viele wollen ohnehin erst einmal die „Sau rauslassen“ und ihr Singleleben in vollen Zügen genießen. One-Night-Stands, Affären, Flirts und spontane Aktionen mit Freunden inklusive. Auch ehrgeizige private Träume, Ziele und Pläne, erfordern Zeit, von der man in keiner Lebensphase außer der Rente, wieder so viel haben wird wie jetzt. Andere möchten auch erst mal ein paar Erfahrungen in anderen Ländern sammeln.

Die Wenigsten wollen sich in so einer Phase gleich fest an einen Menschen binden. Heiraten, Kinder kriegen, Haus bauen und Baum pflanzen. Das sind für Viele bestenfalls ferne Möglichkeiten am Horizont. Aber keine konkreten Pläne für die nächsten Jahre. Hinzu kommt, dass viele junge Menschen noch bei ihren Eltern wohnen und erst mal die Erfahrung machen wollen, wie es ist eine eigene Junggesellen- oder Junggesellinnenbude zu besitzen, bevor sie – wie bei Eheleuten üblich – mit dem Partner zusammenziehen.

Grundkurs in Liebe

Wer vorher noch nicht mal eine längere und ernsthafte Beziehung hatte, dem fällt es naturgemäß schwer, sich gleich in die Königsklasse der menschlichen Beziehungsformen zu begeben. Erst einmal muss und will man überhaupt ein paar grundlegende und wichtige Erfahrungen machen. Wer noch keine schwierige Trennung durchgemacht, keine Beziehungskrisen überwunden, keine Versöhnungen erlebt und überhaupt noch nicht Bekanntschaft mit den Höhen und Tiefen des Liebeslebens gemacht hat, der schreckt naturgemäß auch davor zurück, gleich zum Traualtar zu schreiten.

Davon abgesehen will man auch erst einmal die Richtige oder den Richtigen finden. Vielleicht weiß man noch gar nicht wirklich, was einem in dieser Hinsicht wichtig ist, worauf man charakterlich und optisch Wert legt, wie die eigenen sexuellen Vorlieben sich entwickeln und mit welchem Verhalten man super oder überhaupt nicht klarkommt. Auch kann man den eigenen Marktwert oft noch gar nicht abschätzen. Da drücken viele lieber noch eine Zeit lang die Liebes-Schulbank.

Beruf und Geld

Neben Selbstfindung und Liebeserfahrungen, spielen aber auch der berufliche Werdegang und das liebe Geld eine Rolle. Eine Hochzeit ist teuer und will erst einmal bezahlt werden. Nicht immer können und wollen da die Eltern finanziell nachhelfen, vor allem dann nicht, wenn sie mit der frühen Heirat ihres Nachwuchses nicht einverstanden sind. Wenn nicht mindestens einer der Partner volljährig ist, ist ohnehin die Zustimmung der Eltern für die Ehe erforderlich. Aber auch eine gemeinsame Wohnung, ein gemeinsames Haus oder Kinder wollen erst mal finanziert werden. Und dafür braucht es die nötige finanzielle Absicherung und Perspektive.

Damit das gelingen kann, muss man idealerweise erst mal im Beruf Fuß fassen noch davor seine Ausbildung oder sein Studium beenden. Gerade ein Studium oder ein Job kann auch Anlass sein, das eigene Leben noch mal völlig zu überdenken und vielleicht in eine andere Stadt oder ein anderes Land zu ziehen. In so einer Situation wäre für die meisten eine Ehe das Letzte, was sie gebrauchen könnten.

Trotz all dieser Hindernisse entscheiden sich dennoch manche Menschen für eine frühe Ehe und dafür, ihr Leben von Anfang an gemeinsam aufzubauen und zu durchleben. Wir wünschen jenen, die diesen Weg wählen alles Gute für ihre junge Liebe. Denn jede Ehe die funktioniert ist eine gute Entscheidung. Egal wie früh man diese Entscheidung getroffen hat.

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