"Lasst uns doch reden wie Erwachsene" oder: Als Partner Konflikte stimmig bewältigen im Konflikt-Dialog am "Runden Tisch"

 
 
Bildbeitrag Mediation

Überall, wo Menschen sind, werden Konflikte ausgetragen. Konflikte haben in unserer Kultur – noch – eine negative Konnotation. Vor einer Diffamierung von Konflikten müssen wir uns im eigenen Interesse schützen. Wenn wir den Konflikt diffamieren, können wir uns nicht auf ihn einlassen, um ihn zu managen und aus ihm zu lernen.

Jeder Mensch hat nicht nur privat in der Beziehung, sondern auch als Mitarbeiter oder Führungskraft seine eigenen individuellen Interessen und Bedürfnisse, die es einzubringen und mit den Interessen und Bedürfnissen der Kollegen bzw. Mitmenschen abzustimmen gilt. Deshalb lohnt es sich, Konflikte nicht zu scheuen, sondern sie als Herausforderung und Chance für einen kreativen und produktiven Kommunikationsprozess zu betrachten. Wenn Konflikte entstehen, können diese eskalieren, wir können Sie totschweigen oder können angemessen damit umgehen lernen, um mit ihnen letztendlich stimmig  umzugehen.

Etymologisch betrachtet, bedeutet Konflikt "zusammenschlagen, zusammenstoßen" als ein- oder wechselseitige starre Abgrenzung. Ein Mensch wirkt dabei zeitweise haltlos, ausgegrenzt und/oder ausgrenzend, ob Andere oder sich selbst. Je länger ein Konflikt anhält, desto mehr wirkt der beteiligte Mensch wie ein Mensch, der in der Erfolglosigkeit und im Schattendasein zu Hause ist.

Im Kontakt  dagegen sind zwei Menschen aus etymologischer Sicht "zusammen mit Feingefühl/Berührung". Ein Mensch ist dabei eigenständig und zugleich zugehörig. Je intensiver und verlässlicher Kontakt herrscht, desto mehr wirkt der beteiligte Mensch erfolgreich, dynamisch, ausgeglichen.

 

Der Weg des Konflikt-Dialogs ist der Versuch, in einer von starrer Abgrenzung geprägten Situation Begegnung zu ermöglichen, um so einer Quadratur des Kreises vorzubeugen. Bei der Quadratur des Kreises bleibt der Kreis immer Kreis und das Quadrat immer Quadrat, egal wie sich der Entwicklungsprozess darstellt. Es findet keine wechselseitige Anpassung zwischen dem starren Quadrat und dem starren Kreis statt, beide wollen ihre jeweilige Form bewahren.

Doch im stetigen und andauernden Veränderungsprozess des Konflikt-Dialogs entsteht etwas Neues, nämlich Begegnung, und dadurch kann sich die Starrheit eines festgefahrenen Konflikts in etwas Flexibles, Weiches transformieren lassen. Abgrenzung kann sich zu Begegnung transformieren. Dies ist ein anhaltender und dauerhafter kreativer Anpassungsprozess, in dem sich in steter Folge Starrheit und Weichheit ablösen und wechselseitig beeinflussen.

Im Konflikt-Dialog setzt man sich gemeinsam an den symbolischen "Runden Tisch" und sucht in Anerkennung der Bedeutung der Gemeinschaft den Dialog. "Der Runde Tisch" steht für die Grundkompetenzen der Beteiligten an einem jeden Konflikt-Dialog, die einer gründlichen und fortlaufenden Schulung bedürfen.

 

Wo immer Menschen einander begegnen oder miteinander das Leben gestalten, wirken und gelten natürlich grundsätzliche Regeln für die Kommunikation. Damit diese auf eine stimmige Art und Weise verläuft, wurde in der Stimmhaus®-Methode das Modell "Runder Tisch" mit Inhalt gefüllt.

 

Zuhören, Respektieren, Wechseln der Perspektive und Halten von Gefühlen sind die Kompetenzen einer Persönlichkeit. Im Modell "Runder Tisch" sind dies die Beine, die den Tisch tragen. Sie ermöglichen und erleichtern es allen Beteiligten, konstruktiv und deeskalierend miteinander zu kommunizieren und einander dialogisch zu begegnen. Eine Stimmpersönlichkeit wird dabei ihre eigene Stimme annehmen und einsetzen. Dabei wird sie ihre stimmliche Wirkung entfalten, indem sie auf ein breites stimmlich-sprecherisch-rhetorisches Repertoire zurückgreifen kann.

 

Die vier Tischbeine haben auch ihre Schattenseiten. Diese Schattenseiten sind die Eigenschaften einer Stimmpersönlichkeit, die zum Teil verdrängt sind, nur ungern gelebt und zum Teil verleugnet werden. Sie gelten als unvereinbar mit den persönlichen inneren Werten und Überzeugungen, dem Selbstbild beziehungsweise dem nach außen gelebten Image, setzen sich aber immer wieder dominant durch. - Statt die Perspektive zu wechseln wird eine andere Person verurteilt;

- statt sich auszudrücken bleibt eine Person stumm oder quatscht stereotyp;

- statt das Gegenüber zu respektieren wird die Person übergangen;

- statt Zuzuhören und Zeit zu schenken distanziert man sich.

Schließlich stehen die Tischbeine auf einem stabilen Fundament, das die Fähigkeit der Stimm- und Führunspersönlichkeit symbolisiert, ihre Gefühle bei sich zu "halten". Wir sprechen dabei von Containment.

 

Gerade in Paarbeziehungen, in Familien, aber auch in Unternehmen, in der Beziehung zwischen Führungskräften und Mitarbeitern, kann der Mechanismus des Containing ganz grundlegend Sicherheit vermitteln. Die Partner oder eben auch eine Führungskraft nehmen bzw. nimmt Spannungen und Konflikte wahr, erhält damit ein vollständiges Bild über den emotionalen Stand der Anderen und kann so zur Wiederherstellung der Stabilität in Krisenzeiten beitragen.

 

"Lasst uns doch reden wie Erwachsene", ist eine häufig zu hörende Regel. Doch sie hilft nicht. Denn biologisch hat jeder erwachsene Mensch das Alter eines Erwachsenen, psychisch sind wir aber höchst flexibel und könne in Bruchteilen von Sekunden ins Kleinkindalter zurück fallen: regredieren. Dann ist es gut, dass es Containment gibt, denn als gefühlte fünfjährige Person will man nicht als Erwachsener andere mit Gefühlen eines Fünfjährigen überraschen.

 

Der "Runde Tisch" ist ein anschauliches Modell, das eine Orientierungshilfe für den zwischenmenschlichen Dialog und Konflikt-Dialog vor allem in Paarbeziehungen, Familien und auch Unternehmen bieten möchte. Konflikte sollen auf stimmige Art und Weise ausgetragen werden. Letztendlich liegt auf der symbolischen Tischplatte des "Runden Tischs" das erfolgreiche Ergebnis dieser stimmigen Kommunikation.

 

 

 

Jochen Waibel

Mediator in Hamburg für Scheidung und Trennung

 
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