Nur noch Freunde – wenn die Leidenschaft erlischt

 
 

Gewohnheit ist ein hässliches Wort. Es klingt nach Staub, nach Erstarrung und nach Trostlosigkeit. Dabei strebt doch eigentlich jeder danach, die Dinge die er gern hat immer wieder zu erleben und immer um sich zu haben. Genau dieser Wunsch kann aber zur Falle werden, wenn eine Liebe zur Routine wird und man sich die unangenehme Frage stellt: Was sind wir eigentlich? Noch ein Liebespaar – oder längst nur noch Freunde?

Vor allem bei langjährigen Partnerschaften besteht das Risiko, dass im Laufe der Zeit die Leidenschaft aus der Partnerschaft verschwindet. Die Gewohnheit macht sich breit und kann – wenn man nichts dagegen tut - Aufregung und Bauchkribbeln durch Langeweile ersetzen.

Eigentlich ist alle gut...

Das seltsamste an so einer Situation ist, dass es einem eigentlich gut geht. Man versteht sich blind. Man bildet ein Team, das spielend den alltäglichen Wahnsinn von Haushalt bis Kindererziehung meistert, man ist freundlich zueinander und hat auch eine gemeinsame Ehegeschichte voller Höhen und Tiefen hinter sich, die Vertrautheit gibt und zusammenschweißt. Man erzählt sich gewissenhaft von den Erlebnissen des Tages und ergänzt und hilft sich wo man nur kann. Auch von Gewalt oder Streit ist nicht viel zu spüren. Ein Beobachter muss die eigene Ehe im Grunde für perfekt halten.

Aber...

Trotzdem fehlt irgendwas. Gab es nicht mal Zeiten in denen man sich kaum voneinander lösen konnte? In denen man der nächsten Berührung entgegengefiebert hatte? Waren da irgendwann nicht mal romantische Abende ohne Ende und tiefe Gespräche bis in den Sonnenaufgang? Möglich. Nun jedenfalls, herrscht im Bett meist Langeweile oder Flaute und auch der Austausch von Zärtlichkeiten geht nicht wesentlich über den unterbewussten Norm-Pflichtkuss hinaus. Wenn man der – unangenehmen – Wahrheit ins Auge blickt, stellt man fest. Aus feuriger Liebe ist eine nunmehr platonische Beziehung geworden. Man lebt nicht mehr wie Mann und Frau sondern bestenfalls noch wie Bruder und Schwester zusammen.

Was nun?

Die entscheidende Frage ist jetzt wie glücklich oder unglücklich man in dieser Situation ist. Akzeptiert man die Nachteile und ist im Großen und Ganzen trotzdem zufrieden mit seinem Leben. Oder hat man nur Angst vor der Trennung und lenkt sich irgendwie ab. Versucht die Leere in der Partnerschaft irgendwie zu überspielen um nicht irgendwann allein da zustehen.  Letzteres ist nichts anderes als Selbstbetrug und wird früher oder später sowieso zur Trennung führen. Dann aber hat man womöglich sehr viel wertvolle Lebenszeit verschenkt. Zeit, die nicht mehr wiederkehrt.

Von dieser Frage ausgehend hat man im Grunde drei Möglichkeiten: Kämpfen, Arrangieren oder gehen.

Kämpfen:

Gerade wenn nicht die Liebe, sondern „nur“ die Leidenschaft und die sexuelle Anziehung verschwunden ist, kann es sich auch nur um eine Phase, eine Durststrecke handeln. Gerade in stressigen Zeiten können Ängste, Sorgen und Erwartungsdruck zum regelrechten Lustkiller werden. Leidenschaft kann dann nicht einfach auf Knopfdruck erzeugt werden. Auch häufiger Streit und falsche Kommunikation können das Verlangen genauso wie die zärtlichen Gefühle  blockieren.

Um aus diesem Dilemma herauszukommen gibt es verschiedene Möglichkeiten. So kann man sich unter anderem erotische Anregungen aus Büchern oder Filmen holen oder einfach mal einen romantischen Ausflug in eine neue, fremde Umgebung machen. Allein das kann manchmal schon Wunder wirken. Auch kann es nicht schaden die Welt der eigenen Phantasien zu erforschen und gegenüber dem Partner zur Sprache zu bringen. Umgekehrt sollte man sich auch nicht davor scheuen den Partner nach seinen Wünschen und Vorlieben zu fragen. Wenn das allein noch nicht weiterhilft, kann es durchaus Sinn machen professionelle Hilfe in Form einer Paarberatung, Paartherapie oder Sexualtherapie in Anspruch zu nehmen.

Arrangieren:

Die zweite Möglichkeit ist, die momentane Situation einfach auf sich beruhen zu lassen. Erotik, Leidenschaft und Zärtlichkeit gehören für viele Menschen untrennbar zu einer Partnerschaft dazu. Aber niemand sagt, dass das so sein muss. Wem Vertrauen, Verlässlichkeit, Verständnis und gegenseitige Unterstützung mehr bedeuten, der kann auch mit einer „Ehefreundschaft“ noch wunderbar weiterleben. Klar, viele streben in Liebesdingen die 100% an. Aber eine solche hundertprozentige Partnerschaft ist sehr selten und man könnte es schließlich auch viel schlechter treffen. Wirklich problematisch wird es nur dann, wenn einem Partner die schwindende Leidenschaft mehr gegen den Strich geht als dem anderen.

Gehen:

Gerade wenn ein – oder beide - Partner sich in der Ehe nur noch quält und neben der Aufregung zwischen den Laken auch mehr und mehr die einfachen Zärtlichkeiten und Aufmerksamkeiten fehlen, die eine glückliche Ehe ausmachen, wird es Zeit einen Schlussstrich zu ziehen. Zu groß ist dann die Gefahr eine Ehe nur aus Angst vor der Einsamkeit, vor den finanziellen Konsequenzen oder aus Gewohnheit aufrechtzuerhalten. Nur noch zusammenzubleiben wegen Haus, Kind und Kegel und nicht mehr aus Liebe. Wer jetzt geht um etwas Besseres zu finden geht natürlich das Risiko ein, dass er in seiner nächsten Ehe wieder an diesen Punkt kommt. Aber wenn die Alternative ein unglückliches Leben ist, ist es vielleicht den Versuch wert.

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