Wenn Frauen schlagen: Gewalt gegen Männer

 
 

Der Mann als Opfer. Der Satz fühlt sich auf den ersten Blick immer etwas seltsam an, kennt man die Träger des Y-Chromosoms doch traditionell eher in der Täterrolle. Aber der Mann als Opfer? Als Opfer seiner Triebe? Gekauft. Als Opfer seiner Aggressionslust? Akzeptiert. Aber als Opfer von Gewalt? Dennoch fand das Robert-Koch-Institut kürzlich in einer Studie heraus, dass Männer überraschend häufig Opfer von Gewalttaten sind. Neben Gewalt durch andere Männer haben sie vor allem in Partnerschaft und Familie mitunter unter der Gewalt ihrer Partner(innen) zu leiden. Häusliche Gewalt ist also nicht nur Männergewalt. Beide Geschlechter machen Gewalterfahrungen und Frauen sind nicht nur Opfer. Sondern auch Täter.

Das große Schweigen

Während Gewalt gegen Frauen heutzutage glücklicherweise große öffentliche Aufmerksamkeit genießt und gesellschaftlich geächtet wird, wird Gewalt gegen Männer oft noch als Mythos oder bestenfalls als Randphänomen betrachtet. Dass das so ist, liegt auch an den Betroffenen, auch wenn man ihnen nicht wirklich die Schuld daran geben kann. Denn Männer, die in ihrer Partnerschaft Gewalterfahrungen machen, schweigen oft aus Scham oder aus Angst vor den gesellschaftlichen Konsequenzen. Ein immer noch dominantes Männlichkeitsideal verlangt von ihnen, stark und souverän zu sein. Und, wer zugibt, von seiner Frau geschlagen, terrorisiert oder angegriffen zu werden wird schnell als Schwächling gebrandmarkt. Wie soll jemand, der nicht mal seine eigene Frau „im Griff“ hat etwas taugen. Ist er überhaupt ein richtiger Mann. Solche Vorurteile sorgen dafür, dass nur wenige Männer ihr Leid „an die große Glocke“ hängen und bestenfalls einige Einzelfälle als exotische Meldungen in die Medien gelangen. Neben dem mögliche Rufverlust haben diese Männer noch ein anderes Problem. Ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Ein Glaubwürdigkeitsproblem

Gewalt gegen Männer ist ein Tabuthema und das sorgt auch dafür, dass selbst den Männern, die Gewalttaten zur Anzeige bringen wollen oder die in ihrer Not die Polizei einschalten nicht geglaubt wird. Auch nicht von anderen Männern. Die Folge ist, dass solche Anzeigen oft genug ohne Wirkung bleiben und gar nicht erst ein Verfahren eröffnet wird. Gerade wenn Aussage gegen Aussage steht, wird eher der Frau geglaubt.

Dabei spielt auch das Bild des Mannes als Vertreter des starken Geschlechts eine Rolle, der sich zu wehren und durchzusetzen weiß. Wer als Mann jemand anderem davon berichtet, dass seine Frau ihm gegenüber gewalttätig geworden ist, sieht sich unmittelbar mit der Frage konfrontiert. „Warum hast du dich nicht gewehrt.“ Von Männern wird instinktiv erwartet (zurück) zu schlagen. Und wer das nicht tut, muss eben einstecken können.

Männer die Opfer von weiblicher Gewalt werden können sich aber noch glücklich schätzen, wenn sie lediglich belächelt werden. Im schlimmsten Fall werden sie nämlich sogar für den Täter gehalten und die Frau für das Opfer. Der eigentliche Sachverhalt wird dann – ganz dem typischen Rollenmuster entsprechend – umgedreht. Man geht eben davon aus, dass Männer Frauen schlagen und nicht umgekehrt. Das geschieht zwar oft aus dem Grund heraus, Frauen vor Gewalt zu schützen, kann sich aber leicht zum Nachteil männlicher Opfer auswirken. Bei der Glaubwürdigkeit spielt auch die Statur der Partner eine Rolle. Wer als kleiner schmächtiger Mann mit einer Bodybuilderin liiert ist, dem wird man wohl eher Glauben schenken als einem stämmigen Mann, der über die Gewalttaten seiner zierlichen Frau klagt. Das ist natürlich auch insofern verständlich, dass Männer ihren Frauen nun mal oft körperlich überlegen und so in einer tendenziell stärkeren Position sind, heißt aber nun auch nicht, dass Frauen nicht in der Lage sind, Gewalt anzuwenden.

Doch selbst wenn die Existenz von weiblicher Gewalt anerkannt wird, so wird sie doch oft verharmlost. Es kann sich dabei ja höchstens um ein wenig kratzen und „Haare ziehen“ handeln.

Wie weibliche Gewalt aussieht

Auch wenn dieser Artikel seinen Schwerpunkt auf weibliche Gewalt legt, muss natürlich betont werden, dass auch männliche Gewalt nicht verharmlost werden sollte. Eine Statistik des Bundeskriminalamts von 2011 zeigte noch, dass fast 50 Prozent aller getöteten Frauen ein Opfer ihres Partners wurden und nur knapp 7 Prozent der der getöteten Männer. Die Gewalt gegen Männer scheint also nicht so oft bis zum äußersten zu eskalieren, obwohl sie laut verschiedenen Studien ähnlich häufig vorkommt wie die gegen Frauen. Laut einer Studie im Auftrag der evangelischen Kirche neigen Frauen dabei eher zu verballer Gewalt und Kontrolle, während Männer häufiger sichtbare physische Gewalt ausüben. Geht es aber um körperliche Gewalt - die wiederum laut der Robert-Koch Studie von Frauen sogar häufiger anwendet, wird als psychische – so greifen Frauen wegen ihrer geringeren Körperkräfte eher zu Waffen oder zu Alltagsgegenständen, die als Waffen umfunktioniert werden. Interessanterweise werden Frauen anscheinend eher gegen ihren Partner als gegen Fremde gewalttätig.

Was kann Mann tun?

Auch wenn es eine natürliche Reaktion zu sein scheint, so empfiehlt es sich für Männer – außer im äußersten Notfall – nicht zurückzuschlagen, wenn sie von ihrer Frau attackiert werden. Besser ist es, die Situation zu deeskalieren, zu flüchten und im Notfall den Kontakt und die Beziehung zu beenden.

Das hat einen einfachen Grund. Wer zuschlägt – und sei es aus Notwehr - wird nämlich schnell als Täter wahrgenommen. Wer die (frischeren) sichtbaren Verletzungen hat, kann seinem Standpunkt auch vor der Polizei leichter Glaubwürdigkeit verleihen. In diesem Sinne sollten Opfer möglichst schnell bei einem Arzt ihre Verletzungen dokumentieren. Neben medizinischen Beweisen können auch anwesende Zeugen helfen. Auch kann es nicht schaden, schriftliche Drohungen durch die Frau aufzubewahren. Wer die Polizei ruft, sollte – auch bei ungerechtfertigten Anschuldigungen – ruhig bleiben und seinen Standpunkt möglichst freundlich und sachlich vertreten.

Gerade wenn die Gewalt häufiger Auftritt oder extreme Ausmaße annimmt, sollte über eine Scheidung oder ein Gespräch mit einem Anwalt nachgedacht werden.

5.0 von 5 (92)