Liebe am seidenen Faden - Trennung auf Zeit

 
 

Irgendwann ist er da. Dieser Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht. An dem man häufiger Kraftausdrücke und Vorwürfe als Liebesschwüre und Komplimente mit dem Partner austauscht. Viele drücken dann in ihrer Beziehung die „STOP“-Taste, andere quälen sich weiter, bis das Band ausleiert. Und dann gibt es noch diejenigen, die lieber auf „Pause“ drücken. Um diese Möglichkeit geht es hier.

Streit und Kommunikationsschwierigkeiten sind der häufigste Grund, um sich für eine vorübergehende Trennung auf „Probe“ zu entscheiden. Entweder man streitet sich tagtäglich und über den banalsten Kram oder man lebt schweigend nebeneinander her. In beiden Fällen werden die Probleme, die einem auf dem Herzen liegen nicht wirklich angesprochen. Ein anderer Anlass kann gerade zu viel Aufmerksamkeit sein. Man erstickt unter Lawinen von Fürsorge, Zuneigung und Eifersucht und kommt sich mehr vor wie ein Haustier, als wie ein eigenständiger Mensch. Wenn die Situation dann nicht mehr tragbar, die Gefühle für den Partner aber nach wie vor stark sind, zieht man die Notbremse.  Man flieht für eine Weile ins Single-Dasein um herauszufinden, ob die Ehe oder Beziehung noch eine Zukunft und die Liebe noch eine gemeinsame Basis hat. Wenn die Antwort „Ja“ lautet, zieht man wieder zusammen. Wenn aber die Gefühle nicht mehr reichen oder man das Streitungeheuer nicht zähmen kann, wird die Trennung oder auch Scheidung, zur endgültigen Konsequenz.

Eine Chance...

Eine Trennung auf Zeit ist kein Kinderspiel und gerade, wenn sie nicht von beiden Partnern gleichermaßen gewollt ist, kann ein solcher Entschluss sehr verletzend sein. Aber immerhin hat man so eine übereilte Entscheidung verhindert und eine befristete Trennung kann auch eine gute Gelegenheit sein, um ihre endgültige Variante zu vermeiden. Wenn man über einen längeren Zeitraum getrennt ist, merkt man oft erst, ob Gefühle wie Liebe und Sehnsucht nur vom alltäglichen Stress und Zank überlagert werden, oder ob sie vollkommen erloschen sind. Gerade Streithähnen kann der Abstand auch dabei helfen, sich nicht mehr ständig in den Haaren zu liegen und sich über die Gründe für den Dauerzwist klar zu werden. Meist werden dann auch wieder die Vorteile des Partners und der Ehe klarer gesehen. Und man kann so ausprobieren, ob man mit der Alternative – dem Singleleben – klarkommen würde.

Weiterhin hat man in einem „Beziehungsurlaub“ die Zeit, wieder in sich hineinzuschauen und seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche wiederzuentdecken, die man in der Ehe nur allzu oft vernachlässigt hat. Statt dem allgegenwärtigen „Wir“ steht nun vorerst das „Ich“ an erster Stelle. Die ideale Ausgangssituation, die eigenen Zukunftspläne mit denen des Partners abzugleichen und zu überprüfen, ob man überhaupt in dieselbe Richtung reisen möchte.

Gerade, wenn man das „Opfer“ einer Trennung auf Zeit ist, sollte man sich auch selbstkritische Fragen stellen. Hat man zu viel geklammert? Hat man vielleicht Probleme mit Eifersucht oder Jähzorn? Hört man seinem Partner nicht richtig zu? Wenn man solche oder ähnliche schlechte Angewohnheiten bei sich feststellt, hat man jetzt auch die Chance an sich zu arbeiten und so vielleicht den Partner für sich zurückzugewinnen. Aber verbiegen sollte man sich deswegen nicht. Und vielleicht stellt man auch selber fest, dass man gar nicht zusammenpasst. Auch wer die „Trennung auf Zeit“ nicht vorgeschlagen hat, hat das Recht eine endgültige Trennung daraus zu machen.

...aber kein Allheilmittel

Doch eine Trennung auf Zeit ist auch nicht der Heilige Gral für alle Eheprobleme. Oft ist sie auch nur ein Vorwand, um den Partner nicht direkt mit der ganzen Härte seines Entschlusses zu treffen. Ein Trugschluss, denn für den Verstoßenen fühlt sich bereits diese Phase wie eine Trennung auf Raten an, in der er ständig zwischen Ängsten und Hoffnungen hin und her schwankt und wenn diese Trennung dann endgültig wird, trifft ihn dieser Entschluss nicht minder hart. Oder aber man gibt sich gar einem Selbstbetrug hin und versucht eine Beziehung zu retten, bei der man im Grunde weiß, dass sie bereits gescheitert ist.

Aber auch wenn dem nicht so ist, so ist die Situation gerade für den „verlassenen“ Partner schwierig.  Er steckt in einer Beziehung fest, von der er nicht weiß, ob sie ihm bald unter den Fingern zerrinnt. Gleichzeitig muss er das Leben eines Singles führen, ohne dabei frei für eine neue Liebe zu sein.

Und selbst die Chancen auf einen Neuanfang können durch eine Trennung auf Zeit verringert werden. Der emotionale Abstand zwischen den Partnern wird zu einem räumlichen und wird als solcher täglich erlebt. Man konzentriert sich in erster Linie auf sich selbst und kann leicht die Beziehung und seinen (Noch-)Partner aus den Augen verlieren. Denkt man doch an ihn, so tut man das häufig negativ. Entweder als Bedrückung vor der man geflüchtet ist oder als Unmensch, der einen einfach verstoßen hat. Und so kann es sein, dass man sich mit jedem Tag weiter voneinander entfernt.

Findet man doch wieder zueinander, fühlt sich die Ehe oder Beziehung danach oft „geflickt“ an. Das naive Vertrauen in die Ewigkeit der Liebe ist verloren und muss erst mühsam wiederhergestellt werden. Außerdem sollte man auch hinsichtlich der Lernfähigkeit des Partners nicht zu viel erwarten. Menschen ändern sich nur selten grundlegend. So können die alten Probleme schnell zu einer erneuten Trennung führen, vor allem auch dann, wenn man aus Sehnsucht zu früh in die Beziehung zurückgekehrt ist.

Probetrennung - aber richtig!

Wenn man eine Trennung auf Zeit beschließt, sind klare Regeln wichtig. Man muss sich darüber austauschen, was man mit der Auszeit erreichen will, unter welchen Bedingungen man wieder zusammenkommt und vor allem wie lange die Trennung dauern kann. Dabei sollte man einen realistischen Zeitraum festlegen. Wenige Tage oder Wochen reichen nicht, um sich wirklich über seine Situation klar zu werden. Wer sich hingegen ein ganzes Jahr oder länger Zeit nimmt, wird dann wohl kaum mehr eine Chance auf einen Neuanfang haben. Nach so langer Zeit hat man seine Ehe schon innerlich abgehakt; und ohnehin - wer sich nach maximal einem halben Jahr noch nicht über sein Gefühlsleben klar geworden ist, wird auch in noch längerer Zeit zu keiner Entscheidung kommen.

Doch auch während eines kürzen Trennungszeitraums sollte nicht totale Funkstille herrschen. Vielmehr ist ein regelmäßiger – aber auch nicht zu häufiger – Kontakt sinnvoll. Dafür sollte man Termine festlegen und sich am besten an einem neutralen Ort treffen. Die Kunst besteht darin, den Kontakt zu halten, ohne zu viel Nähe herzustellen.

Von großer Bedeutung ist auch die Frage, wie man die räumliche Trennung sicherstellt. Wer getrennt wohnt hat da natürlich keine Schwierigkeiten. Aber die meisten Ehepartner haben eine gemeinsame Wohnung und folglich muss einer der Partner die Wohnung verlassen. Wer sich zum vorläufigen Auszug bereit erklärt, kann dann entweder zu seinen Eltern oder einem Freund ziehen oder sich kurzfristig eine eigene kleine Wohnung anmieten. Wer das Glück hat eine große Wohnung oder ein großes Haus zu besitzen, kann die räumliche Trennung  auch ohne Auszug herstellen. Und wer sich einfach nur mehr Freiraum wünscht, kann sich auch für getrennte Wohnungen entscheiden, ohne dabei seine Ehe auf den Prüfstand zu stellen.

Wenn man aber den Weg einer klassischen Trennung auf Zeit geht, gilt es viele Fragen zu klären. Wie werden die Kosten wie zum Beispiel die zusätzliche Miete aufgeteilt? Wie wird gegebenenfalls der Kontakt mit den gemeinsamen Kindern geregelt? Wie erklärt man dem Nachwuchs die neue Situation? Und wie sieht es mit sexuellen Kontakten miteinander oder mit Dritten aus? Auch der Umgang mit gemeinsamen Verpflichtungen, Freunden oder Einladungen will geklärt sein.

In der Phase der Trennung sollte man in sich gehen, vielleicht Tagebuch führen und sich intensiv mit den Vor- und Nachteilen seiner Ehe auseinandersetzen. Auch Gespräche mit Freunden oder eine professionelle Paartherapie können sinnvoll sein. Wer allerdings feststellt, dass er sehr gut ohne seinen Partner leben kann, muss den Mut haben, die Ehe endgültig zu beenden.

Der Verlassene sollte hingegen versuchen seinen Partner zu nichts zu drängen und ihm den nötigen Freiraum zu geben. Wer sich andauernd mit Mails, SMS oder Anrufen ins Gedächtnis ruft, tut sich und seiner Ehe keinen Gefallen.

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