Es ist nie zu spät zum glücklich sein - Scheidung im Alter

 
 

Und dann lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Ein märchenhafter Traum, der noch ganz zauberhaft aussieht, wenn der Prinz mit der Prinzessin in den Sonnenuntergang reitet. Aber wenn dann wirklich viele gemeinsame Jahre hinter einem liegen, passt nicht jede Ehe in das Idealbild eines harmonischen Lebensabends. Oft ist aus dem Happy End ein Albtraum geworden und dann schützen auch mehr als 20 Ehejahre nicht mehr vor dem Gang zum Scheidungsrichter. Dabei ist es nur selten eine Kurzschlussreaktion, wenn ältere Menschen sich trennen. Noch häufiger als bei „gewöhnlichen“ Scheidungen, geht diesem Entschluss eine lange Phase des Nachdenkens und Abwägens voraus.

Trotzdem nimmt die Zahl der späten Scheidungen zu. Laut einer Statistik des Statistischen Bundesamtes gab es 2011, 24745 Scheidungen von Ehen, die mehr als 25 Jahre Bestand hatten.  Das sind immerhin 13% aller Scheidungen im letzten Jahr.  Im Jahre 1982 waren es nur 6417 Scheidungsurteile, was 5% aller Scheidungen entspricht.

Warum jetzt noch?

Für eine Scheidung im Alter gibt es viele Gründe. Der Wichtigste davon: Die Eheführung aus Gewohnheit ist Vergangenheit. Viele wünschen sich von ihrer Ehe mehr, als einander einfach nur auszuhalten und das Leben möglichst reibungsfrei innerhalb der leeren Fassade einer augenscheinlich glücklichen Ehe über die Bühne zu bringen. 

Das hängt auch mit dem gesellschaftlichen Wandel zusammen. Waren Pflicht, Treue und wirtschaftliche Absicherung früher noch Werte, an die sich Eheleute gebunden fühlten, so ist die Selbstbestimmung des Einzelnen heute viel wichtiger. Ehen führt man heutzutage – idealerweise – nur noch aus einem Grund: Liebe!

Und wenn dieses Gefühl verschwunden ist oder man feststellt, dass der Ehemann oder die Ehefrau vielleicht nicht die wirklich große Liebe war, hält einen oft nichts mehr. Aber nicht immer ist nur das Herz schuld. Auch Entfremdung kann ein Grund sein. Man entwickelt im Laufe der Zeit neue – und vielleicht völlig unterschiedliche – Interessen und Hobbys und hat sich dann wohlmöglich nichts mehr zu sagen. Hinzu kommt dann noch der übermächtige Trott des Alltags. Ein Tag fließt unterschiedslos in den anderen. Man möchte einfach nur ausbrechen.

Doch es gibt auch andere Gründe für eine Trennung. Nicht selten wird heimlich eine Affäre begonnen (vielleicht sogar mit einem/einer Jüngeren), deren Auffliegen auch eine lange Ehe auf eine harte Probe stellt. Und auch Alkohol und Gewalt können ein Grund zur Flucht sein.

Eine besondere Situation tritt auch ein, wenn die gemeinsamen Kinder das Haus verlassen. Nicht nur, dass das Haus plötzlich leerer und man nun allein auf seine Paarbeziehung zurückgeworfen ist. Vielleicht hat man damals sogar nur wegen der Kinder geheiratet oder ist zumindest nur aus Rücksicht auf sie zusammengeblieben. Nun fällt diese Ablenkung weg und es geht allein um die Frage: „Bin ich glücklich?“

Einen ähnlichen Effekt kann auch der Tod der Eltern oder anderer naher Verwandter haben, der einen dann daran erinnert, dass man etwas aus seiner gegebenen Zeit machen sollte. Oder aber es geht allein um die Suche nach dem Unbekannten und einen Neuanfang.

Scheidung im Alter – ein schwerer Weg

Bei allen guten Gründen will ein solcher Entschluss aber gut überlegt sein. Hat man wirklich die Bereitschaft und die Kraft für einen Neuanfang? Waren all die Ehejahre wirklich umsonst? Kann auch eine Eheberatung nicht mehr helfen?

Selbst wer all diese Fragen mit „Ja“ beantwortet, muss wissen, was auf ihn zukommen kann. Im Scheidungsfall ist vielleicht die Trennung von vielen gemeinsamen Gegenständen, lieb gewonnen Haustieren und seiner gewohnten Umgebung nötig.

Auch hat man es nach einer langen Ehe meist schwer sich neu zu orientieren, und wenn einer der Partner noch immer an der Ehe hängt oder vielleicht noch aufrichtige Liebe empfindet, wird die Trennung dadurch für beide noch komplizierter.

Hinzu kommt noch ein Scheidungsverfahren, das gerade bei Uneinigkeit sehr lange dauern und sehr kraftraubend sein kann. Zudem muss in puncto Altersversorgung einiges geklärt werden. Gerade wenn ein Partner lange nicht berufstätig war, muss er sich auch über die Sicherung seines eigenen Lebensunterhalts nach der Scheidung Gedanken machen. Zum Glück gibt es aber für diese Fälle den Paragrafen 1571 BGB, der auch dann einen Alters-Unterhalt ermöglich. Ab welchem Alter diese Regelung in Anspruch genommen werden kann ist aber unterschiedlich.

Neben den finanziellen Sorgen, wiegt auch die Angst vor dem allein sein gerade im Alter besonders schwer. Trotzdem sollte man eine neue Beziehung nicht allein aus Angst vor dem allein sein eingehen und auch nicht, um dem Ex-Partner etwas zu beweisen. Besser als eine überstürzte neue Beziehung, ist nach der Trennung der Aufbau eines Freundeskreises. Wer bereits viele gute Freunde hat, kann sich nun erst mal mehr Zeit für sie nehmen.

Wenn die Belastung oder der Schmerz aber zu groß wird, kann es auch helfen Kontakt zu einem Psychologen aufzunehmen.

Lohnt sich die Mühe?

Doch wenn dieser Weg so hart ist, warum sollte man ihn dann gehen? Ganz einfach. Weil auch ältere Menschen ein Recht darauf haben glücklich zu sein. Wer sich in seiner Ehe nur noch quält, der hat im Grunde keine andere Wahl als die Trennung, wenn er sich nicht den Rest seiner Tage zur Hölle machen möchte. Wenn nichts mehr geht und die Gefühle verloren sind, dann ist auch eine Scheidung im Alter keine schlechte Entscheidung. Denn auch sie kann als Befreiung erlebt werden.

Und vielleicht wartet irgendwo dort draußen ja auch ein Mensch, dem es ähnlich geht. Dann wird es doch noch etwas mit dem Happy End: „Und dann lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende."

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