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Wer entscheidet, ob mein Kind geimpft wird?

 
 

Debattieren Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin, ob Ihr Kind die üblichen Schutzimpfungen erhalten soll? Auch gerade in Zeiten von Corona dürfte sich die Frage nach einer Impfung mit besonderer Vehemenz stellen. Tatsächlich ist dies eine Angelegenheit, über die Sie in der Regel nur gemeinschaftlich eine Entscheidung treffen können. Da eine Impfung einen körperlichen Eingriff für das Kind bedeutet, handelt es sich um eine Angelegenheit von erheblicher Bedeutung. In diesem Fall müssen beide Elternteile einig sein. Da ein Streit für das Kind keine Lösung bringt, kann das Familiengericht aber auf Antrag einem Elternteil das Entscheidungsrecht über die Frage der Impfung übertragen.

Gerichte orientieren sich am Kindeswohl und den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission

Die Gerichte orientieren sich in solchen Entscheidungsfragen ausschließlich am Kindeswohl. Die Interessen der Eltern treten insoweit in den Hintergrund. Danach übertragen Gerichte die Entscheidungsbefugnis auf denjenigen Elternteil, dessen Lösungsvorschlag dem Wohl des Kindes am besten gerecht wird. In Angelegenheiten der Gesundheitssorge ist diejenige Elternteil entscheidungsbefugt, der das für die Gesundheitssorge bessere Konzept verfolgt (so bereits BGH, Beschluss vom 9.11.2016, Az. XII ZB 298/15).

Die Gerichte sehen keinen allerdings Anlass und sehen sich auch außerstande, den Sinn oder Unsinn einer Impfung nach eigenem Ermessen zu beurteilen. Vielmehr orientieren sich die Gerichte an den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). Die STIKO ist eine beim Robert-Koch-Institut eingerichtete Kommission, die nach dem derzeitigen Erkenntnisstand im Hinblick auf die Prophylaxe übertragbarer Krankheiten über das höchste Sach- und Fachwissen verfüge. Ihre Empfehlungen zum Schutz des individuellen Kindeswohls und zum Schutz der Bevölkerung seien insgesamt plausibel, wissenschaftlich belegt und aus medizinischer und juristischer Sicht nicht zu beanstanden. Diese Empfehlungen geben den aktuell anerkannten Stand der medizinischen Forschung wieder.

Da die STIKO Schutzimpfungen des Kindes nachdrücklich empfiehlt, gehen die Gerichte davon aus, dass deren Empfehlungen das für das Kindeswohl bessere Konzept darstellen. Wenn also die Entscheidung für eine Impfung unter Abwägung eventueller Risiken den Empfehlungen der STIKO entspricht, ist davon auszugehen, dass im Streitfall der Elternteil die alleinige Entscheidungsbefugnis vom Familiengericht erhält, der sich für die besagte Impfung ausspricht.

Es ist wenig aussichtsreich, die Impffähigkeit des Kindes zu beanstanden und deshalb das Familiengericht aufzufordern, ein Sachverständigengutachten über die Impffähigkeit und Impfrisiken erstellen zu lassen. Die Empfehlungen der STIKO sehen nämlich ohnehin eine individuelle Prüfung der Impffähigkeit durch den Kinderarzt vor.

Daher werde das gesundheitliche Wohl des Kindes im Hinblick auf eventuell bestehende Vorbelastungen oder Impfunverträglichkeiten bereits hinreichend berücksichtigt. Deshalb komme dem wissenschaftlich begründeten Sorgfaltsmaßstab der Empfehlungen der STIKO die „Funktion eines antizipierten Sachverständigengutachtens“ zu. Es sei daher nicht ersichtlich, inwieweit ein erneutes Gutachten durch das Familiengericht neue Erkenntnisse bringen könnte. Auf diesem Hintergrund werden auch die vielfach vorgebrachten Argumente von Impfgegnern zurückgewiesen. Allein Vorbehalte gegen Pharmaindustrie und Ärzteschaft bieten keine Grundlage, die Empfehlungen der STIKO infrage zu stellen.

Expertentipp

Soweit Kinder und Jugendliche gegen das Corona-Virus geimpft werden sollten, ist davon auszugehen, dass die Gerichte sich genauso an den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission orientieren werden. Derzeit sind die Corona-Impfstoffe noch nicht für Kinder und Jugendliche unter 16 bzw. 18 Jahren zugelassen. Hier bleibt nur, die weiteren Entwicklungen abzuwarten.

Streitigkeiten über Impfungen vor Gericht

Das Oberlandesgericht Frankfurt (Beschluss vom 8. März 2021, Az. 6 UF 3/21) hatte einen Fall zu entscheiden, bei dem ein Elternpaar für das im Jahr 2018 geborene Kind gemeinsam sorgeberechtigt war. Die Mutter des Kindes wollte die allgemein üblichen Schutzimpfungen durchführen und das Kind unter anderem gegen Masern, Mumps, Tetanus und ähnliche Risiken impfen lassen. Der Vater des Kindes beanstandete die Impffähigkeit des Kindes und verweigerte seine Zustimmung, das Kind beim Kinderarzt impfen zu lassen. Daraufhin beantragte die Mutter beim Familiengericht, ihr die alleinige Entscheidungsbefugnis über die Standardimpfungen zu übertragen. Mit Erfolg, weil das Gericht der Überzeugung war, dass ihre Entscheidung, die der Empfehlung der Ständigen Impfkommission entsprach, dem Kindeswohl dient.

In einem ähnlichen Fall musste bereits der Bundesgerichtshof entscheiden (BGH, Beschluss vom 3. Mai 2017, Az. XII ZB 157/16). Die BGH-Entscheidung hatte grundsätzliche Bedeutung und war damit auch Maßstab für die Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt. Im Fall des BGH hatte die Mutter Bedenken und vertrat die Meinung, dass die Impfungen der Lobbyarbeit von Pharmaindustrie, Ärzteschaft und Politik geschuldet seien. Konkrete Risiken für das Kind konnte sie nicht benennen. Sie würde einer Impfung allenfalls zustimmen, wenn der Kinderarzt schriftlich erkläre, dass mit Sicherheit keine Impfschäden zu erwarten seien. Hier entschied das Gericht, dass der Vater das Kindeswohl besser vertrete, weil er sich an den Empfehlungen der STIKO orientierte. Zudem gebe es keine Anhaltspunkte für individuelle Risiken beim Kind.

Welche Bedeutung hat eine Einverständniserklärung des Elternteils?

Geht ein Elternteil zum Arzt und möchten das Kind impfen lassen, darf der Arzt in der Regel davon ausgehen, dass er von dem nicht gleichzeitig anwesenden Elternteil ermächtigt ist, das Kind impfen zu lassen. Diese Vermutung gilt zumindest, wenn es um Standardimpfungen geht, die auf den Empfehlungen der STIKO beruhen.

Soweit es künftig um die Frage einer Corona-Impfung geht, wird sich der Arzt wahrscheinlich genauso verhalten, wenn die STIKO die Impfung empfiehlt. Insoweit braucht sich der Arzt wegen der ihm nicht bekannten Zustimmung des anderen Elternteils nur dann Gewissheit zu verschaffen, ob der eine Elternteil tatsächlich ermächtigt ist, das Kind behandeln zu lassen, wenn er Zweifel an der Zustimmung hat. Insoweit kann es hilfreich sein, von vornherein eine Einverständniserklärung des anderen Elternteils unterschreiben zu lassen, um sie dem Arzt präsentieren zu können. Verweigert der Elternteil die Zustimmung zur Impfung, bleibt nur der Weg vors Familiengericht, um sich in letzter Konsequenz die Entscheidungsbefugnis übertragen zu lassen.

Impfen ohne Zustimmung, heimlich impfen lassen?

Befürchten Sie Vorbehalte des anderen Elternteils, sollten Sie davon Abstand nehmen, Ihr Kind heimlich und ohne Zustimmung des anderen Elternteils impfen zu lassen. Da der Elternteil sorgeberechtigt ist, riskieren Sie den Vorwurf der Körperverletzung, wenn Sie das Kind trotzdem impfen lassen. Schließlich ist nicht die erforderliche Einwilligung beider Elternteile vorhanden.

Alles in allem

Zentraler Aspekt des Themas Impfen ist das Wohl des Kindes. Soweit es um die Gesundheitssorge eines Kindes geht, stehen die anerkannten Empfehlungen der Wissenschaft an erster Stelle. Für Bedenken, für die es keine wissenschaftlich anerkannten Ansätze gibt, haben die Gerichte wenig Verständnis. In Streitfällen werden sie die Entscheidungsbefugnis auf Antrag dem Elternteil zusprechen, der den Empfehlungen der STIKO folgt. 

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