Ich liebe, also bin ich - Abhängigkeit in der Partnerschaft

 
 

Man kann von vielen Dingen abhängig werden. Von Alkohol, Zigaretten oder Drogen genauso wie vom Internet oder von Sexualität. Genauso liegt auch in der Beziehung zu einem anderen Menschen eine Suchtgefahr. Das scheint nur so lange seltsam, bis man den Hormoncocktail des Verliebtseins einmal gespürt hat. Doch wie kommt es, dass aus gegenseitiger Liebe ein ungesundes „An der Nadel hängen“ wird? Und wie wird man wieder „clean“ - oder gar nicht erst abhängig?

Formen der Abhängigkeit

Sie wissen es vielleicht noch nicht, aber mit größter Wahrscheinlichkeit sind auch Sie abhängig. Denn es gibt viele alltägliche Formen der zwischenmenschlichen Abhängigkeit, von denen uns die meisten nicht wirklich bewusst sind und die auch nicht alle gleichermaßen schädlich und bedenklich sind, wenn man ein paar Spielregeln beachtet.

Finanzielle / Rechtliche Abhängigkeit

Diese Abhängigkeit ist wahrscheinlich die offensichtlichste. Jeder, der mit seinem Partner zusammen ein Haus, eine Wohnung, ein Auto oder eine andere größere Anschaffung gemeinsam finanziert hat, kennt das „Problem“. Von nun an sitzt man im selben Boot, bis der Kredit abgezahlt ist. Wenn man miteinander verheiratet ist oder in einer Lebenspartnerschaft lebt, kommen noch weitere finanzielle und rechtliche Verpflichtungen hinzu, die man vor allem im Fall einer Scheidung zu spüren bekommt (Stichwort: Zugewinnausgleich). Ein Ehevertrag kann solche Konsequenzen lindern und ist eine prima Gelegenheit um sich bewusst mit dieser Art von Abhängigkeit auseinanderzusetzen.

Praktische Abhängigkeit

Doch selbst wenn man von finanziellen Großprojekten die Finger lässt und auf eine Ehe verzichtet, warten im Alltag noch andere Abhängigkeiten. Nicht jeder Mensch ist nämlich mit denselben Talenten gesegnet und macht alle Dinge gleich gut oder gerne. Der eine hat ein Talent für handwerkliche Dinge oder finanzielle Angelegenheiten, der andere ist ein Organisationstalent oder kann gut kochen. Hier liegt es nahe, anfallende Aufgaben entsprechend aufzuteilen. Das funktioniert aber nur so lange reibungslos, bis einer der Partner das Handtuch wirft oder er eine wichtige Aufgabe nicht mehr übernehmen will oder kann. Dann steht der Andere erst einmal ziemlich hilflos da und wird sich seiner eigenen Abhängigkeit schmerzhaft bewusst.

Abhängigkeit durch Verantwortung

Und auch weniger materielle Dinge schweißen Menschen aneinander, wie es nun mal das Wesen einer Gesellschaft ist. Das merken Paare ganz besonders, wenn einer von ihnen krank oder pflegebedürftig wird und der Andere sich scheut seinen kranken Partner einfach im Stich zu lassen. Genauso können auch – weitaus erfreulicher – Kinder eine gemeinsame Verantwortung begründen.

Emotionale Abhängigkeit

Nicht ohne den anderen leben zu wollen, ihn zu vermissen, wenn er nicht da ist, sich auf ein Wiedersehen zu freuen und Angst davor zu haben, dass es einmal enden könnte. All diese Dinge gehören fest zu einer ganz normalen Partnerschaft. Erst recht dann, wenn diese Form der Abhängigkeit von beiden Seiten aus besteht, ist daran erst mal überhaupt nichts Falsches. Allerdings ist der Grat zwischen Liebe und wirklicher Abhängigkeit sehr schmal.

Ungesunde Abhängigkeit

Spätestens, wenn aus einer romantischen Liebesbeziehung ein manisches Klammern wird, sollten alle Alarmglocken läuten. Grundsätzlich kann das in jeder Partnerschaft passieren, aber bei manchen Menschen ist die Wahrscheinlichkeit viel größer als bei anderen. Solche „Klammerer“ sind quasi das Gegenteil von Menschen mit Bindungsangst. Sie haben keine Angst vor zu viel Nähe, sondern vor zu viel Distanz. Dabei gibt es zwei typische Verhaltensweisen, die natürlich nicht immer in Reinform oder so extrem auftreten müssen.

Der eine Typ tut alles in seiner Macht stehende um die Liebe und Anerkennung seines Partners zu gewinnen und zu behalten. Dafür verbiegt er sich, verzichtet auf seine eigenen Wünsche und Ziele und gibt sich letztlich sogar selbst auf. Gleichzeitig lässt er sich mitunter einiges gefallen – vielleicht auch Gewalt und Erniedrigung – nur um die „wertvolle Beziehung“ nicht aufs Spiel zu setzen, die für ihn zum einzigen Lebensinhalt geworden ist. Trotzdem reißen schon kleine Stimmungsschwankungen und sanfte Kritik durch den Partner den Abhängigen in ein Stimmungstief. Einen Streit würde dieser Typ aber deswegen nicht vom Zaun brechen. Lieber vermeidet er Konflikte, aus Angst am Ende allein dazustehen.

Beim zweiten Typus ist die Angst vor Distanz nicht weniger ausgeprägt. Aber die Methoden um sie zu verhindern sind andere. Er setzt auf das Mittel der Kontrolle, damit sein Partner ihn nicht im Stich lässt. Er verlangt von ihm ständige Aufmerksamkeit und Verfügbarkeit und dass er notfalls alles stehen und liegen lässt, um für ihn da zu sein. Häufig leiden solche Menschen auch unter krankhafter Eifersucht und misstrauen dem Verhalten und den Absichten des Partners, wenn er nicht bei ihnen ist. Deshalb halten sie ihn möglichst an der kurzen Leine. Oft genug mit dem Ergebnis, dass sie ihn so erst recht in die Flucht schlagen.

Doch egal wie sich die Angst vor dem Alleinsein äußert: Eine gesunde Partnerschaft ist so nicht möglich. Mit großer Wahrscheinlichkeit passiert den Abhängigen durch ihr Verhalten genau das, wovor sie am meisten Angst haben: Sie stehen nach der Trennung, nach der Scheidung oder auch nach dem Tod des Partners allein und hilflos da. Auch wer in einer Beziehung oder Ehe mit einem solchen Menschen verbleibt, tut sich keinen Gefallen und riskiert irgendwann an Depressionen zu erkranken.

Was kann man dagegen tun?

Abhängigkeiten, die nicht emotionaler Natur sind, lassen sich relativ leicht durch Transparenz und Gespräche klären. Auch sollte jeder auch mal beim Fachgebiet seines Partners reinschnuppern und es kann nicht schaden mal gemeinsam die Steuererklärung zu machen oder eine Wand zu streichen.

Doch vor allem im emotionalen Bereich sollte man verhindern, dass es zu einem starken Machtgefälle kommt. Auch dabei hilft Kommunikation, denn je schneller man sich seiner Probleme bewusst wird, desto besser kriegt man sie in den Griff. Ganz wichtig ist es auch, sich selbst in einer Ehe noch ein wenig Privatsphäre zu bewahren und auch Freundschaften weiter zu pflegen. Freunde haben nämlich auch einen guten Riecher für Ungleichgewichte in einer Partnerschaft. Vor allem sollte sich aber jeder ein gesundes und stabiles Selbstbewusstsein bewahren und sich auch in der Lage fühlen, ohne seinen Partner lebensfähig zu sein.

Wenn ein Abhängigkeitsverhältnis allerdings bereits zu stark eingefahren ist, führt der Ausweg für den Abhängigen am besten über eine Therapie oder Selbsthilfegruppe und für seinen Partner über die Trennung von einer Partnerschaft, die ihn andernfalls mit in den Abgrund reißt.

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