Hilfe, ich liebe dich! Was verbirgt sich hinter Bindungsangst?

 
 

Gerade noch war er liebevoll, romantisch und wollte die Sterne vom Himmel holen und von einem auf den anderen Tag ist er auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Seit Monaten freut er sich auf diesen Tag. Alle Gäste sind bereits da und in wenigen Minuten wollen sie ins Standesamt gehen. Doch seine Frau kommt nicht. Heute nicht und auch sonst nicht mehr.

Es war ihre siebte Beziehung in einem Jahr. Immer hat sie es beendet. Nämlich dann als es am schönsten war. Und als es ernst wurde...

Alle drei Szenarien, so unterschiedlich sie auch sein mögen, sind auf ein Phänomen zurückzuführen: Bindungsangst. Doch was ist das eigentlich? Und was kann man dagegen machen?

Bindungs- oder auch Beziehungsangst ist in erster Linie die Angst vor emotionaler Nähe.  Die Devise bei Menschen mit Bindungsangst ist: „Besser keine nahe Beziehung, als eine schädliche.“ Allerdings werden mit dieser gefährlichen Regel auch viele glückliche Erfahrungen ausgeschlossen. Denn vor allem enge und dauerhafte Beziehungen werden von solchen Menschen gemieden, wie das Weihwasser vom Teufel. Wie weit diese Bindungsphobie geht, ist aber von Person zu Person sehr unterschiedlich. Manche Betroffene lassen sich auf niemanden mehr ein, andere gehen in ihren Beziehungen nur bis zu einem bestimmten Punkt, an dem sie sich dann fieberhaft Gründe für eine Trennung suchen.

Das Paradoxe daran: Bei den meisten Menschen mit Bindungsangst ist der Wunsch nach einer Beziehung sogar sehr lebendig. Aber die Angst vor Verletzungen ist stärker.

Hat mein Partner Bindungsangst?

Menschen, die unter Bindungsangst leiden, verfügen oft nicht gerade über ein starkes Selbstwertgefühl. Entsprechend groß ist deswegen auch ihre Angst davor, von anderen verletzt oder zurückgewiesen werden. Begleitet wird diese Angst von einem starken Wunsch nach Sicherheit. Umgekehrt ist aber dafür meist wenig Verantwortungsgefühl gegenüber Liebespartnern vorhanden. Die Sicherheit, die Bindungsängstliche fordern, wollen und können sie selber nicht geben. Und auch ihr Gefühlsleben wollen sie nur ungern mit anderen teilen.

Um ihrem inneren Zwiespalt zwischen Liebessehnsucht und Angst vor Nähe gerecht zu werden, bauen einige Betroffene ein schier unerfüllbares Traumbild von ihrem potenziellen Partner auf, von dem sie dann – anders als normale Menschen, die ja auch gerne träumen – selten bereit sind, auch nur einen Zentimeter abzurücken. Alternativ suchen sie sich auch reale, aber unerreichbare Personen, die beispielsweise weiter entfernt leben, oder die bereits verheiratet sind. Wenn sich hingegen einmal jemand Greifbares für sie interessiert, werden diese Annäherungsversuche schnell abgeblockt.

Andere lassen sich zwar zunächst auf einen Partner ein, stellen dann aber direkt sehr hohe Erwartungen an ihn, die er wahrscheinlich nicht erfüllen kann. Oder aber der Partner erfüllt die Erwartungen zu gut und alles deutet auf eine glückliche gemeinsame Zukunft hin. In beiden Fällen läuten bei Menschen mit Bindungsängsten die Alarmglocken.

Wenn eine Beziehung die aufregende Anfangsphase verlässt und Zukunftspläne oder sogar eine Heirat diskutiert werden, bekommen sie es mit der Angst zu tun. Sie wollen sich nicht auf eine gemeinsame Zukunft festlegen, um sich nicht in Abhängigkeit zu begeben. Selbst, wenn sie sich einmal dazu überreden lassen, einen Hochzeitstermin zu vereinbaren, kann es leicht passieren, dass sie noch kurz vor der Hochzeit alles hinschmeißen und flüchten.

Oft wird auch versucht den Partner dazu zu bewegen, von selbst zu gehen oder zumindest die Bindung nicht zu vertiefen. Entweder entzieht man sich dann durch Ausreden, die Flucht in Arbeit oder in möglichst zeitfressende Hobbys, oder aber man legt ein unfaires und launisches Verhalten an den Tag, das den Partner bewusst auf Distanz halten soll.

Ist der Partner dann fort, geht der Kreislauf wieder von vorne los und man geht irgendwann wieder auf die Suche. Vielen Menschen mit Bindungsangst fällt es dabei gar nicht so schwer, jemanden kennenzulernen, da sie gerade am Anfang auch sehr euphorisch und charmant sein können. Das Ergebnis sind ständige Partnerwechsel.

Misstrauen frisst Liebe auf – die Ursachen

Neben unglücklichen Kindheitserfahrungen, wie zerstrittenen Eltern oder gar Missbrauch, können vor allem gescheiterte Beziehungen der Auslöser für Bindungsängste sein. Wurde einmal das Vertrauen in einen Partner enttäuscht, vielleicht sogar nach einer langen und vielversprechenden Beziehung, fällt es deutlich schwerer erneut Vertrauen zu fassen.

Mit der emotionalen Nähe zu einem anderen Menschen wird nun statt Freude Schmerz verknüpft. Und um diesen grässlichen Schmerz nicht noch mal empfinden zu müssen, lässt man einfach niemanden mehr an sich heran.

Dazu kommt dann noch der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Man will sich durch den Partner nicht einschränken, verändern oder bevormunden lassen.

Erste Hilfe bei Bindungsängsten

Sie sind gerade Single geworden und haben erst mal kein Interesse das zu ändern?

Keine Panik - kurz nach einer Trennung, und gerade nach einer komplizierten oder sehr negativen Beziehung, ist ein wenig Beziehungsangst völlig normal. Auch ist nicht gleich jeder, der nicht sofort einen Partner findet, oder der erst mal sein Singleleben genießen will direkt beziehungsunfähig. Bindungsangst liegt nur dann vor, wenn man ernsthafte Beziehungen über einen langen Zeitraum meidet. Und darunter leidet.

Hat man dennoch den Verdacht an Bindungsangst zu leiden, empfehlen sich erst einmal Selbsthilfemaßnahmen:

  1. Die eigenen Ängste und Verhaltensweisen hinterfragen.
  2. Die Beziehungsangst anerkennen.
  3. Sich überlegen man vom Leben erwartet und welche Vor- und Nachteile eine enge Beziehung haben kann. Wahrscheinlich ist man von dem Ergebnis überrascht.
  4. Sich bewusst werden, dass es immer auch ein zurück aus Beziehungen gibt. Selbst in einer Ehe kann man sich scheiden lassen, und wenn man die richtigen rechtlichen Vorkehrungen getroffen hat, ist das auch ohne große finanzielle Schäden möglich.
  5. Sich darüber klar zu werden, ob man die letzte Beziehung bereits wirklich verarbeitet hat und dem Ex-Partner nicht mehr in Liebe – oder Hass - verbunden ist.

Wenn sich aber an der Angst nichts ändert, ist eine Therapie hilfreich und sogar notwendig, um das eigene Lebensglück wieder herzustellen. Denn eine Heilung ist möglich und wer sich seinen Ängsten stellt, kann bald wieder erfahren, wie schön es sein kann, einem Menschen wirklich nahe zu kommen.

Wer selber mit einem bindungsängstlichen Menschen zusammen ist, sollte sich auf darauf gefasst machen, dass von heute auf morgen mit dem Glück Schluss sein kann. Trotzdem lässt sich mit Einfühlsamkeit und dem Bekämpfen von Ängsten oft einiges erreichen. Vor allem sollte man behutsam vorgehen und nichts erzwingen. Ganz besonders keine Versprechen.

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